Zu Besuch in der Lindenapotheke Oberwolfach

Oberwolfach, 21.11.2016 – Apotheken im Ländlichen Raum durch EuGH-Rechtsprechung in Gefahr
Bis vor kurzem galt in Deutschland für alle rezept­pflichtigen Medikamente der gleiche Preis, unabhängig davon, ob ein Patient nach dem Arztbesuch in die nächstgelegene Apotheke ging oder seine Medikamente von zu Hause aus in einer ausländischen Online-Versandapotheke bestellte. Dies könnte sich in Zukunft ändern und dadurch vor allem eine Bedrohung für die Apotheken im Ländlichen Raum darstellen. Nachdem 2012 noch festgelegt worden war, dass auch ausländische Versandapotheken an diese einheitlichen deutschen Preise gebunden sind, erklärte der Europäische Gerichtshof diese Regelung nun für ungültig, da Festpreise eine nicht gerecht­fertigte Beschränkung des Warenverkehrs darstellen.

Claudia Kröger, Inhaberin der Linden Apotheke in Oberwolfach, und ihr Mann Roland Kröger sehen durch diese neue Rechtsprechung die Existenz ihrer Apotheke in Gefahr. „Der durch das EuGH-Urteil erwirkte Wegfall der Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel für ausländische Anbieter wird dazu führen, dass vermehrt auch verschreibungspflichtige Medikamente im Ausland bestellt werden und damit Umsatz und Ertrag für Apotheken wie unsere vor Ort stark absinken. Recht kurzfristig werden die Krankenkassen nach dem Wegfall der Preisbindung vermutlich auch für Arzneimitteln exklusive Verträge mit einzelnen großen Anbietern abschließen und somit die freie Apothekenwahl für den Bürger abschaffen “ so Claudia Kröger. 2009 hat das Ehepaar die Linden Apotheke übernommen und 2013 in Eigenregie  kostenbewusst neu gestaltet; mittlerweile beschäftigt Claudia Kröger acht MitarbeiterInnen. „Wir sind in Oberwolfach, wie in vielen anderen kleinen Gemeinden die einzige Apotheke und bieten hier niedrigschwellig Gesundheitsberatung und elementare Serviceaspekte. Wenn wir schließen, werden die Versandapotheken die entstehende Lücke nicht füllen können“, bemerkt die Apothekerin.

Bei einem Besuch am vergangenen Montag informierte sich die grüne Landtagsabgeordnete Sandra Boser vor Ort in der Linden Apotheke im Gespräch mit dem Ehepaar Kröger über die möglichen Folgen der neuen Rechtsprechung. „Ich weiß um die Bedeutung unserer öffentlichen Apotheken bei der Versorgung der Bevölkerung in den städtischen Ballungsgebieten und besonders im Ländlichen Raum. Die flächendeckende gute, sichere und wohnortnahe Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln unabhängig von ihrem Wohnort ist mir als Landtagsabgeordneter dieses ländlich geprägten Wahlkreises ein wich­tiges Anliegen“, bekräftigt Boser. „Apotheken erfüllen außerdem wichtige Aufgaben im Sinn der öffentlichen Gesundheitsversorgung wie patientenindividuelle Beratung, Herstellung von Rezepturen sowie Nacht- und Notdienst-Bereitschaft. Das darf auf keinen Fall wegfallen“, so die grüne Landtagsabgeordnete. Sie werde sich, gemeinsam mit Sozialminister Manfred Lucha, dafür stark machen, dass die Daseinsfürsorge auch im ländlichen Raum nicht wegfalle.

Das Bundesland Bayern hat eine Bundesratsinitiative gestartet, den Versand rezeptpflichtiger Medikamente zu verbieten, die das Land Baden-Württemberg grundsätzlich unterstützt.  Diese Möglichkeit muss jedoch zunächst juristisch geprüft werden.